„Ich bin immer noch dabei, mein persönliches Lieblings-Wearable zu erfinden.“ – Ein Interview mit Katharina Bredies

FashionTech
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Donnerstag 21.12.2017
11:16 Uhr

Über das Event

Die promovierte Designwissenschaftlerin Dr. phil. Katharina Bredies forscht an der Berliner Universität der Künste und ist Teil des Design Research Labs. Im Interview hat sie uns unter anderem beantwortet, was ihrer Meinung nach die Innovationskraft Berlins im Bereich des Fashiondesigns ausmacht, was sie persönlich an FashionTech fasziniert und welche Entwicklung sie sich für die Zukunft wünschen würde.

Könnten Sie kurz beschreiben, wie Sie zur Designforschung gekommen sind? Und woran Sie aktuell arbeiten?
Ich habe an der Hochschule für Künste in Bremen studiert, als Wolfgang Jonas dort Professor war. Er hat mich mit Design als Forschungsfeld vertraut gemacht und nach meinem Abschluss auch Gesche Joost vorgestellt, die zu diesem Zeitpunkt Designforscherin an den Telekom Innovation Laboratories in Berlin war. Sie hat mir wiederum ermöglicht, dass ich in Designwissenschaften promovieren konnte.
Im Moment leite ich mehrere Projekte im Bereich elektronische Textilien, unter anderem zu Wearables für ambiente Benachrichtigungen, Produkt- und Servicedesign einer smarten Jacke für Läufer und zu elektrostatischer Energie durch Textilien. Mich interessiert dabei auch immer der designtheoretische und –methodische Aspekt, z. B. inwiefern ein smartes Kleidungsstück erst durch den Gebrauch zu seiner Bestimmung findet.

Wie wichtig ist Berlin für Ihre Arbeit?
In Berlin hat man das Glück, dass ganz viele unterschiedliche Akteure im Bereich Smart Fashion vor Ort sind. Da ist zunächst die Universität der Künste, an der das Design Research Lab angesiedelt ist und an dem Produkt- und Modedesigner ausgebildet werden. Außerdem sind dort die anderen Berliner Universitäten mit technischen und sozialwissenschaftlichen Fächern, mit denen wir viel zusammenarbeiten, und Forschungsinstitute mit hochspezialisierter Ausstattung. Daneben gibt es aber auch eine ganz lebendige Szene an selbständigen Designern, Künstlern und Makern, die gut vernetzt ist.

Wie hat sich aus Ihrer Sicht der Modestandort Berlin in den vergangenen Jahren verändert, in Hinsicht auf Digitalisierung, FashionTech und Innovation?
FashionTech ist inzwischen viel präsenter für Modeschaffende als noch vor ein paar Jahren, und es besteht immer mehr Interesse daran, elektronische Textilien in der Mode einzusetzen. Die FashionTech Community wächst und wird immer besser sichtbar. Das wird durch die Politik befördert und unterstützt, aber auch große Unternehmen haben FashionTech inzwischen als Thema mit großem Potenzial für sich entdeckt.

Was fasziniert Sie persönlich besonders an FashionTech und Smart Wearables?
Mit e-Textiles und Wearables bekommt Digitaltechnologie eine neue Form durch ein neues Material, nämlich Stoff. Die Auswirkungen darauf, wie digitale Geräte aussehen und bedient werden, könnten ähnlich bedeutend sein wie die Einführung grafischer Benutzerschnittstellen für Computer, oder die Entwicklung von Mobiltelefonen zu tragbaren Minicomputern. Das betrifft die Produktion, die nun auch traditionelle textile Herstellungsverfahren einsetzen kann. Es verändert aber auch den Umgang, weil Stoff ein weiches Interaktionsmaterial ist – und damit anders, als die Oberflächen aus Kunststoff und Glas, mit denen wir sonst interagieren. Wir können nun digitale Geräte durch Knicken, Knüllen und Falten steuern. Außerdem bieten Mode- und Textildesign eine jahrtausendealte, hoch differenzierte Formensprache, die es für digitale Geräte noch nicht gibt.

Würden Sie sagen, dass Berlin anderen Städten im Bereich FashionTech etwas voraus hat und wenn ja, was und warum?
Ich will das gar nicht so direkt vergleichen. In Berlin gibt es eine tolle Community und eine sehr gute Infrastruktur. Und gerade im Moment bekommt das Thema FashionTech viel positive Aufmerksamkeit, das ist auch hilfreich. Da es sich bei Smart Textiles nach wie vor um eine Nische handelt, die das Zusammenwirken von ganz unterschiedlichen Professionen erfordert, ist es in Berlin sehr angenehm, dass es eine hohe Bereitschaft zur Zusammenarbeit unter den Akteuren gibt.

Wie digital und smart ist Ihr persönlicher Alltag? Gibt es ein Smart-Wearable, das Sie nicht mehr aus Ihrem Alltag wegdenken könnten?
Ich bin immer noch dabei, mein persönliches Lieblings-Wearable zu erfinden. Zum einen ist es noch eine recht neue Entwicklung, dass es ein so großes und leicht verfügbares Angebot an DIY-Wearable-Komponenten und -materialien gibt. Zum anderen konzentrieren sich viele verfügbare Anwendungen zurzeit noch auf Sport und Gesundheit. Zu einem überzeugenden Wearable gehört ja sowohl gute Software als auch gute Hardware, und die Dinge, die mich reizen würden, gibt es noch nicht zu kaufen.

Sie haben einen Blazer erfunden, der bei medizinischen Notfällen einen Alarm auslösen kann. Könnten Sie genauer beschreiben, was es damit auf sich hat und wie Sie auf diese Idee gekommen sind?
Der Blazer ist ein tragbarer Alarmknopf, ähnlich den Knöpfen, die manche ältere Menschen tragen, um im Notfall Hilfe rufen zu können. Der Jacke sieht man ihre Funktion nicht an, sie sieht einfach wie ein klassischer Damenblazer aus. Die Taschenklappen sind jedoch textile Schalter, das Jackett ist außerdem über Bluetooth mit einem Mobiltelefon verbunden. Uns ging es darum zu zeigen, dass Wearables und textile Interfaces sich viel besser und anwenderfreundlicher in den Alltag integrieren lassen als andere Digitalgeräte, sogar besser als andere Wearables. Wir verlieren ja nicht unser Stilbewusstsein, nur weil wir älter werden.


Foto: ©Matthias Steffen

In Ihrer Doktorarbeit beschäftigen Sie sich unter anderem mit dem innovativen Ansatz, den Gebrauch von Textilien als Design- bzw. Gestaltungskomponente zu betrachten. Was hat Sie inspiriert? Wie ist dieses Thema entstanden?
Im Design hat in der Vergangenheit ein Gestaltungsansatz Oberhand gewonnen, der ein nutzerzentriertes und problemorientiertes Arbeiten in den Vordergrund stellt. Diese Methodik ist sehr sinnvoll und erfolgreich, wenn man mit bereits existierender Technologie gestaltet. Bei neuen Technologien geht es aber auch darum, erst einmal zu identifizieren, wofür sie besonders nützlich sein könnten, ohne sich gleich auf einen bestimmten Problembereich festzulegen. Mich hat interessiert, wie ein Gestaltungsprozess aussehen könnte, bei dem man die Möglichkeiten einer neuen Technologie ausreizt. Deswegen habe ich mich mit dem Gebrauch von Dingen beschäftigt. Menschen sind sehr gut darin, im Gebrauch ganz kreativ zu werden und Dinge ganz anders zu benutzen, als sie gedacht sind.
Textil ist dafür ein ganz hervorragendes Material, weil es uns so vertraut ist. Wir sind ja quasi von Anfang an von Textil umgeben und kennen uns damit intuitiv aus. Gleichzeitig ist es für digitale Anwendungen noch ein ganz neues Material. Das heißt, es gibt noch keine Konventionen dazu, wie ein textiles digitales Interface aussieht und was man damit macht. Digitale Interfaces aus Stoff zu machen ist ein bisschen so, wie den Computer nochmal zu erfinden – in weich.

Welche möglichen Probleme sehen Sie in der fortschreitenden Digitalisierung des Fashiondesigns?  
Mit FashionTech kommen die Elektronik- und die Modebranche zusammen, und die Zuordnung von smarter Kleidung ist noch unklar. Sobald Wearables in industriellem Maßstab hergestellt werden, müssen wir uns ernsthaft Gedanken darüber machen, welche Lebensspanne sie haben und wie man sie verantwortungsvoll entsorgt. Ökologische Nachhaltigkeit ist jetzt schon eine riesige Herausforderung für die Modebranche. Das Thema wird durch elektronische Komponenten in der Kleidung nur noch dringlicher.
Ein weiterer Aspekt liegt in der Natur der Mode und betrifft ihre schnellen Wechsel und ihre Vergänglichkeit. Davon sind heute ja auch schon digitale Geräte betroffen. Wenn es durch FashionTech zu einer noch schnelleren Obsoleszenz von Digitaltechnik käme, wäre das ein großes Problem.

Wo geht die Reise hin? Wo liegt das größte Potential von Smart Wearables? Was sind aus Ihrer Sicht die zukunftsweisendsten Entwicklungen am Markt?
Zwei Entwicklungen würde ich mir auf jeden Fall wünschen: Zum einen, dass die Elektronik noch stärker mit dem Textil verschmilzt. Wir arbeiten zurzeit aus praktischen Gründen noch viel mit konventionellen Komponenten, alles andere ist noch Grundlagenforschung. FashionTech sollte so subtil und selbstverständlich werden, wie jedes andere Material, mit dem man in der Mode arbeitet.
Zum anderen sollte auch der Umgang mit Stoff als Interaktionsmaterial mehr in den Vordergrund rücken. Wir haben schon seit so langer Zeit leuchtende Kleider und Oberteile, einfach, weil sie auf Fotos so schön aussehen. Nun haben wir auch Kleidung, die gespickt ist mit Sensoren für Vitaldaten. Bei beiden sind Elektronikteile auf dem Stoff befestigt, aber an unserem Umgang mit dem Kleidungsstück ändert sich nichts. Ich würde mir deswegen mehr Wearables wünschen, die sich im Alltag bewähren – und zwar anders als das Vitalshirt beim Sport.

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Foto: ©Marie-Luise Schulz Foto: ©Marie-Luise Schulz