FashionTech

„Berlin ist auf dem besten Wege, die Wearable Tech City zu werden.“ - Ein Interview mit Thomas Gnahm

Im Juni findet das Wear It Festival, das sich um die Entwicklung von Innovationen im Smart Wearable und e-Textiles Bereich dreht, bereits zum vierten Mal statt. Im Interview hat uns der Initiator des Festivals Thomas Gnahm verraten, warum Berlin ein idealer Ort für das Festival ist und wieso er sich im letzten Jahr einen Chip implantieren lassen hat.

­­Können Sie kurz beschreiben, wie Sie auf die Idee gekommen sind, das Wear It Festival ins Leben zu rufen?
Die Menschen hinter Wear It Berlin sind Berliner Designer, Techies und Maker. Im Jahr 2013 haben wir mit Trafo Pop die weltweit erste DIY-LED-Jacken-Community gestartet. Was als persönlich getriebenes Open-Source-Maker-Projekt begann, hat sich schnell zu einem Trendsetter-Thema entwickelt und in kürzester Zeit kamen Blogs wie Creators Project, Brands und andere Designer auf uns zu, um mit uns zu arbeiten. Wir waren neugierig, was andere Leute auf der Welt in diesem Bereich entwickelten, allerdings waren die Protagonisten von Australien bis Kanada verteilt und der Austausch über das Internet ging uns einfach nicht weit genug. Wir mussten uns treffen, um neue Projekte zu starten und so haben wir 2014 mit dem ersten Wear It Festival in Berlin die internationale Community zu den am Körper tragbaren Technologien zusammengebracht. Das Event war ein wahnsinniger Erfolg und es war uns klar, dass es eine solche internationale Plattform für Wearables unbedingt braucht, auf der sich die Teilnehmer austauschen, gemeinsam Fortschritte vorantreiben und diskutieren, wie innovative Kleidung aussehen könnte. So entschieden wir uns, das Event weiter zu professionalisieren und auch unsere Partner aus Industrie und Forschung miteinzubeziehen.


Foto @Wear It 2017

Heute ist das Wear It Festival international eines der wichtigsten Events im Spannungsfeld zwischen Design, Digitalisierung und Wearable Tech. Am 19. und 20.Juni 2018 treffen sich im Palais der Kulturbrauerei in Berlin wieder die erfolgreichsten Innovatoren und Unternehmer der Wearables und E-Textiles Industrie um eine neue Generation der digitalen Kleidung zu präsentieren. Dort wird es eine erstklassige Konferenz, Ausstellungen und auch einen Hackathon geben.

Wie hat sich das Wear It Festival Ihrer Meinung nach seit dem Beginn verändert? Lassen sich hier bestimmte Tendenzen beobachten?
Wir konnten in den letzten Jahren ein rasant steigendes Interesse am Thema Digitalisierung der Kleidung erleben. Wearable Tech ist im Mainstream angekommen und die Menschen können mit dem Thema etwas anfangen. Nun geht es darum zu zeigen, wie die neuen Produkte uns als Konsumenten wirklich unterstützen können. Für viele Fragen, z. B. nach der Waschbarkeit von Wearables, gibt es inzwischen Lösungen und es lohnt sich für Unternehmen, jetzt in den Bereich einzusteigen. Es geht uns nicht mehr nur darum prototypisch Ideen vorzustellen, sondern wir möchten echte Produkte für die Gesellschaft von morgen abbilden und die Relevanz dieser neuen Industrie aufzeigen.

Wear It Berlin ist auch eine Agentur für Produktenwicklung im Bereich Wearable Tech. Wer sind Ihre Kunden und wie gestaltet sich die Zusammenarbeit?
Durch unsere langjährige Arbeit auf dem Gebiet der Wearables ist Wear It Berlin ein idealer Partner für Unternehmen und Marken, die sich für das Feld interessieren. Wir arbeiten einerseits mit Brands an neuartigen Kampagnen, wie der ersten Fashion Tech Party in Schwerelosigkeit. Auf der anderen Seite begleiten wir Partner, z. B. aus dem Bereich Arbeitsbekleidung, bei der Entwicklung neuer Produkte von der ersten Idee bis hin zur Serienreife. Es ist sehr aufregend und inspirierend mit jedem Projekt Neuland zu betreten!

Woher kommt Ihre Leidenschaft für Mode, Technik und deren Fusion?
Kleidung erzählt immer etwas über ihren Träger, den Menschen dahinter und die Gesellschaft, in der wir leben. In einer sich rapide entwickelnden Welt von Internet und Digitalisierung erscheint es mir dabei auffällig, dass sich meine Kleidung kaum von der meines Großvaters unterscheidet. Ich denke, die Mode hinkt hier einfach hinterher und es wird hier früher oder später eine Weiterentwicklung geben. Hier mitzugestalten und die Zukunft zu formen, ist der große Reiz an dem Thema und die Aufgabe von Designern. Mein persönlicher Background liegt im Designbereich. Ich habe in der Vergangenheit bei einem Modemagazin in Barcelona gearbeitet, aber mich auch schon früh für Elektronik und die Maker-Szene interessiert. Es war für mich spannend, neue Technologien wie Lasercut oder 3D-Druck als Gestaltungswerkzeuge für meine Arbeit zu nutzen.

Was muss eine innovative Design-Idee haben, um Sie persönlich richtig zu beeindrucken?
Der Kreativität sind kaum Grenzen gesetzt. Wir haben schon strahlungsabschirmende Herren-Unterwäsche gesehen bis hin zu Abendkleidern, die politische Aktivitäten mittels Cloudservices visualisieren um damit das Zusammenspiel nach Mode und Identität zu thematisieren.
Als Startup oder Unternehmen stellt sich die Frage: Gibt es Käufer für das Produkt? Würde ich mir das selbst kaufen?

Was macht Berlin als Standort in Bezug auf die Tech-Modeindustrie aus?
Berlin ist der ideale Ort für unsere Events und Agenturarbeit, denn die Metropole bringt sehr gute Voraussetzungen für Innovation im Bereich Design und Tech mit: innovative junge Unternehmen, exzellente Forschungseinrichtungen und eine agile, internationale Startup-Kultur, die Technologien in Wearables schnell aufnehmen kann. Berlin hat sich als die Kreativ-Metropole in der Welt etablieren können und ist auf dem besten Wege, die Wearable Tech City zu werden.

Mit verschiedenen Formaten wie etwa dem Wear It Festival oder dem Fashion Hack Day schaffen Sie vor allem auch Raum und Gelegenheit für Innovation im Fashion Tech Bereich. Glauben Sie, in Berlin wird diesbezüglich genug getan, oder gibt es Ihrer Meinung nach ungenutztes Potenzial?
Der Hauptstadt mangelt es im Bereich Fashion Tech nicht an Ideen und Prototypen – Berliner Designer zeigen immer wieder modische Einzelstücke mit dekorativen Elementen wie LEDs. Allerdings können diese Einzelstücke nicht ohne Weiteres als Produkte weiterentwickelt werden und so einen Mehrwert als Smart Wearables erzeugen. Deshalb bleibt das Innovationspotential der Kreativ-Hauptstadt trotz des Engagements vieler Einzel-Akteure nicht ausgeschöpft. Hier setzen unsere Initiativen an, um vorhandenen Ideen und Prototypen zur Produktentwicklung und zur Marktreife zu verhelfen. Dazu benötigen wir Kooperationen. Brands und Unternehmen können mit Startups kooperieren und gemeinsam Endprodukte entwickeln. Wir müssen beweisen, dass Fashion Tech und Wearables relevant sind und dass Fragen nach Datensicherheit etc. beantwortet sind. Dazu braucht es aber Partner aus der Industrie, die ein ehrliches Interesse an der Verwertung der Ideen haben. Genau hier ist das Festival ein wichtiger Impulsgeber, welchen wir festigen und hochhalten müssen.

Wie digital und smart ist Ihr persönlicher Alltag? Welches ist ihr meistgenutztes Lieblings-Smart-Wearable?
Ich selbst nutze allerhand smarter Alltagsobjekte, vom Fahrradhelm mit Blinker bis hin zu unseren eigens entwickelten Westen mit Twitter-Steuerung. Auf dem Wear It Festival 2017 ließ ich mir live auf der Bühne einen NFC Chip implantieren, der mich mit meiner Umgebung Over-The-Air verbindet. Damit könnte ich Türschlösser öffnen oder bezahlen, aber ehrlich zugegeben: Wirklich sinnvoll ist das Implantat in meinem Alltag nicht integriert, aber das Thema Bio Hacking ist für mich persönlich gerade sehr spannend.

Was erwartet uns in Zukunft, wohin wird uns die Fusion moderner Technologien und Modedesign bringen?  Was ist Ihre persönliche Vision von „Future Fashion“?
Meine Vision für die Tech und Mode Industrie: Technologie wird uns Menschen wieder mehr zueinander bringen. Die nächsten großen Innovationen finden nicht nur online, sondern auch im „real life“ statt und rücken den einzelnen Menschen ins Zentrum. Die Technologie selbst wird immer mehr unsichtbar und Haptik, Stofflichkeit und Sinnlichkeit bestimmen die Interaktion mit den neuen Gateways ins Internet of Clothings.

Mehr Informationen zum Wear It Festival
https://www.wearit-berlin.com/

 

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